K - Colors of Korea |
Magazine about Korean Culture and Pop Culture - published every other month in German and English |
Jahrelanges Training. 16 Stunden am Tag. Ein Leben weit weg von der Familie und von Freunden. Ein neues zu Hause in einer WG mit Fremden, mit denen man Hoffnungen und Tränen teilt. Wege, die auseinandergehen, weil sich die Träume nicht erfüllt haben. Vielleicht eines Tages das lang ersehnte Debütstage. Der enge Terminplan, der kaum Zeit lässt zu schlafen. Diätpläne. Makeover. Schönheitsoperationen. Sind wir ehrlich, der Weg eines K-Pop Idols ist beschwerlich und das Leben, selbst, wenn man es geschafft hat, hart.
Jeder dritte Teenager in Korea träumt davon, Idol zu werden. Natürlich, der Markt boomt und K-Pop ist eines der wichtigsten Exportgüter Südkoreas. Die Hallyu Wave hat in den letzten Jahren auch Europa erreicht und in dem Markt steckt jede Menge Geld. Jahr um Jahr debütieren mehr Bands, schaffen es mehr koreanische Teenager ihren Traum zu erfüllen. Die Prozentzahl derer, die am Ende Stars werden, ist jedoch gering.
In einem Land, das vor fast 25 Jahren noch eine Militärregierung hatte und in den letzten Jahrzehnten zu einer imposanten Industrienation heranwuchs, ist das Selbstverständnis, mit dem junge Koreaner diesen Weg einschlagen, ein anderes. Eines, das westlich erzogene Teenager kaum nachvollziehen können. Südkoreas Bevölkerung weiß, dass ihr Land nicht so weit gekommen wäre, ohne das gut funktionierende System der Schule und Arbeit. Fleiß ist eine hohe Tugend und der Respekt demjenigen gegenüber, der hart arbeitet, zeigt man am besten, durch noch größeren Fleiß. Und so funktioniert dieses Land wie ein Uhrwerk, in dem man aufeinander baut.
In einem Gespräch mit einer Berliner Koreanistikstudentin tauschten wir einmal einen interessanten Gedanken aus. Idols sind ein wichtiger Bestandteil in dem reibungslosen Ablauf dieses Landes. Lassen wir außen vor, dass sie die Wirtschaft ankurbeln und für internationale Bekanntheit sorgen - und damit helfen, andere koreanische Produkte auf dem weltweiten Markt zu verkaufen - bleibt eines übrig: Der Blick ins Land. Denn K-Pop Stars gab es schon lange bevor der internationale Markt sie entdeckte. Ende der 1990er Jahre entstanden die drei großen Entertainmentfirmen - YG, SM und JYP - und kurz darauf debütierten die ersten Gruppen, die das prägten, was wir heute K-Pop nennen. Sie gaben den Jugendlichen, die bis in die Nacht lernen und den jungen Menschen, die mehr als 12 Stunden am Tag, sechs Tage die Woche arbeiten, Zerstreuung. Denn Zeit, um auszugehen und Freunde zu treffen, bleibt weniger. (Natürlich finden Koreaner immer Zeit um sich zu treffen und Spaß zu haben, und vielleicht genießen sie diese Zeit auch mehr als Europäer, die mit ihrer Freizeit nichts anzufangen wissen)
Idols sind überall. Sie sind bunt und fröhlich. Sie unterhalten das Publikum zu Hause vor dem Fernseher in Musik- und Variety Shows. Sie lächeln von Plakaten, preisen in Werbespots die neusten Produkte an. Man kann sie sich auf DVDs, T-Shirts und Handyanhängern nach Hause holen. Bei Fansigns kommt man ihnen näher. Sie bieten Gesprächsthemen abseits des Alltags. Ihre Welt ist schillernd, aber - und das ist besonders wichtig - erfahrbar. Auch sie arbeiten hart, auch sie haben wenig Freizeit, auch sie essen gerne, hören Musik und haben Probleme.
K-Pop Idols sind so offen und privat wie kaum ein anderer internationaler Star, ohne dass dabei ihr privates Familienleben beleuchtet, auseinandergepflückt und in den Schmutz gezogen wird.
Sie sind das Hobby, das man sich leisten kann, wenn man kaum Zeit hat. Sie sind die Ablenkung, die man braucht, wenn man an Pflichten zu erstickt droht. Sie sind die Vorbilder, die zeigen, dass sich all der Schweiß und die Entbehrungen lohnen. Ihre Rolle ist wichtig. Sie ist verantwortungsvoll. Ruhm und Geld spielen, wenn man es genau betrachtet, obwohl sie wichtig sind, und wahrscheinlich der Antrieb der meisten, eine untergeordnete Rolle.
Was also führte 300 europäische K-Pop Fans im Teenageralter (Die Grenze für Bewerber lag bei 19 Jahren) nach Berlin zur YG Audition? K-Colors of Korea sprach mit einigen von ihnen kurz bevor sie in den Raum zum Vorsingen und Tanzen gerufen wurden. Nicole, 18, aus Dortmund liebt 2NE1, die Girlgroup, die bei YG unter Vertrag ist. Sie tanzt und singt seit fast sechs Jahren und hat wegen K-Pop damit angefangen. Von dem Casting erhofft sie sich zum einen einmal den Mitarbeitern von YG persönlich gegenüberzustehen und möchte zum anderen direkt erfahren, wie es ist an einer Audition teilzunehmen. Denn K-Pop Auditions gab es zuvor noch nicht in Europa. Yen ist 14 Jahre alt und hört seit 3 Jahren K-Pop. Sie liebt Big Bang und 2NE1 und nimmt mitlerweile sogar Gesangsunterricht. Sie will einfach nur dabei sein, aber sie weiß nicht, ob sie wirklich Trainee bei einem Entertainment sein möchte.
Die meisten der Bewerber sind aus Neugier gekommen. So nah wie jetzt waren sie der koreanischen Musikbranche noch nie und wenn sich für einen von ihnen der Traume einer Karriere in dem Land ihrer Träume erfüllt, werden sie den Schritt wagen.
Lee Jun Won, ein Mitarbeiter von YG, der sich die Bewerber seit einigen Stunden anhört und ansieht, verrät uns, wie es nach der Audition für die Bewerber weitergehen wird. Diejenigen, welche die Vorrunden in Berlin und London überstanden haben, werden zu einer zweiten Audition nach Korea eingeladen. Wenn sie sich bei dieser durchsetzen, wird man ihnen anbieten einen Traineevertrag zu unterschreiben. Danach wartet nicht nur Gesangs- und Tanztraining auf sie. Die zukünftigen Idols werden auch die Sprache lernen und sich der koreanischen Kultur anpassen müssen. Ob sie es schaffen und wann es ihnen möglich sein wird, zu debütieren, wird von ihrer Leistung abhängen aber auch von der Frage, ob sie werden verstehen können, was es bedeutet Idol zu sein.
Manchmal, wenn sich ein Traum erfüllt, fragt man sich, warum man ihn geträumt hat. Ein Traum ist leicht und unbeschwert. In einem Traum ist man niemals erschöpft oder einsam. In einem Traum wird man beschenkt, ohne etwas zu opfern. Einige der Teilnehmer der YG Audition in Berlin werden nach Hause zurückkehren und davon träumen, es beim nächsten Mal zu schaffen. Einige wenige werden weiterkommen und manche von ihnen werden aufwachen und im Flieger zurück in ihre Heimat neue Träume finden. Nur sehr wenige werden in Korea bleiben und an ihrem Traum festhalten. Auch sie werden irgendwie aufwachen, denn sie werden begreifen, dass jedem gelebten Traum harte Arbeit vorausgeht. Dass es immer zwei Seiten einer Medaille gibt; dass dem Ruhm, den Fans und der Beliebtheit der Stress, die fehlende Privatsphäre und die gelegentlichen Zweifel gegenüberstehen. Nur denen, die sich keine Illusionen machen, die genug Leidenschaft mitbringen und die das, was sie tun bedingungslos lieben, wird sich die Tür zu einer faszinierenden Welt öffnen. Einer Welt voller Schönheit und Schein. Einer Welt voll ungeahnter Tiefen und unzähliger Möglichkeiten.
Wir hoffen, dass YG so einen Menschen mit Talent und Hingabe in Europa gefunden hat und wir ihm, ohne es zu wissen, vielleicht sogar in Berlin gegenüber standen.
Copyright: Esther Klung (www.k-magazin.com)